Beruf & Karriere

Deutsche Sprache & Kultur

Studium & Wissenschaft

Jobsuche & Bewerbung


 

Verborgene Potenziale entdecken – Jungen und Männer in der Gesellschaft und Arbeitswelt von heute (19.11.2014)

Am diesjährigen Internationalen Männertag wollen wir uns mit dem Boys’Day beschäftigen. Seit 2011 finden am vierten Donnerstag im April Veranstaltungen für Jungen statt. Wir haben bei Miguel Diaz, dem Projektleiter des Boys’Day, nachgefragt, was es mit diesem Projekt auf sich hat.

 

Isabel Lang: Während der Girls’Day, der Mädchen für Berufe mit hohem Männeranteil begeistern soll, in Deutschland bereits sehr bekannt ist, ist dies beim Boys’Day bisher nicht der Fall. Ist der Boys’Day der Girls’Day in grün bzw. blau?

Miguel Diaz: Nein, da ist ein Unterschied. Der Boys’Day unterscheidet sich inhaltlich vom Girls’Day, wo es um die Studien- und Berufswahl von Mädchen geht. Das ist beim Boys’Day nur ein Teil vom Ganzen. Beim Boys’Day geht es zwar auch um die Berufswahl, aber das ist nur ein Aspekt. Es geht um Männlichkeitsvorstellungen und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen, d.h. wir haben drei Themenfelder und der Girls’Day eines.

Isabel Lang: Seit wann gibt es den Boys’Day?

Miguel Diaz: In einigen Regionen wird seit 2003 ein Boys’Day durchgeführt. Bundesweit gibt es ihn jedoch erst seit 2011. Der Boys’Day ist ein Projekt von Neue Wege für Jungen, das 2005 ins Leben gerufen wurde und Jungen bei der Berufs- und Lebensplanung unterstützt. Der Boys’Day ist dabei auf den einen Tag, den vierten Donnerstag im April, fokussiert.

Isabel Lang: Warum gibt es eigentlich getrennte Tage für Jungs und Mädchen?

Miguel Diaz: Die Berufswahl von Jungen und Mädchen ist sehr stark geschlechtsspezifisch ausgeprägt und man weiß gleichzeitig, dass sich bei gemeinsamen Veranstaltungen ganz schnell ein Phänomen einstellt, das man in der Forschung „doing gender“ nennt.

Isabel Lang: Was bedeutet „doing gender“?

Miguel Diaz: Das bedeutet, dass „Geschlecht“ viel weniger das ist, was wir haben, sondern viel mehr das ist, was wir tun. Das heißt, dass wir auch in unserem Alltag immer bemüht sind, Geschlecht darzustellen. Wenn wir durch die Straße gehen, gibt es bestimmte Hinweise, dass die Personen, die uns entgegen kommen, Frauen oder Männer sind. Man weiß, dass sich das in dem Moment, wenn beide Geschlechter zusammen sind, noch einmal verstärkt. Wenn Jungen und Mädchen gemeinsam in die Altenpflege gehen würden oder in die KiTa, dann ist das ein Terrain, was bei uns noch weiblich konnotiert wird. Da fühlen sich die Mädchen viel stärker gefragt, während die Jungen sich eher zurücknehmen. Umgekehrt ist es der Fall, wenn man z. B. zur Feuerwehr geht. Und deswegen ist es besser, wenn man diese Trennung hat.

Isabel Lang: Welche Projekte führen Sie im Rahmen des Boys’Day durch?

Miguel Diaz: Wir führend selbst keine Projekte dazu durch, sondern stellen Materialien zur Verfügung. So z. B. einen Haushaltsparkour, einen Methodenreader, ein Medienset, Handreichungen für Lehrkräfte und vieles, vieles mehr. Wir unterstützen Akteure, die Projekte durchführen wollen, mit Materialien und versuchen, das Thema in den Medien präsent zu machen.

Isabel Lang: Wer sind Ihre Kooperationspartner vor Ort?

Miguel Diaz: Die Akteure sind Verwaltungen, Hochschulen, Pflegeeinrichtungen, KiTas usw., wo dann an dem Tag etwas für Jungen durchgeführt wird.

Isabel Lang: Wie ist die Resonanz auf den Boys’Day?

Miguel Diaz: Die Resonanz ist schon sehr gut, wenn man bedenkt, dass wir erst 2011 gestartet sind. In den letzten Jahren nehmen immer ca. 33 500 Jungs am Boys’Day teil.

Isabel Lang: Bekommen Sie viele positive Rückmeldungen?

Miguel Diaz: Wir evaluieren den Tag und befragen die Jungs und die Unternehmen oder Einrichtungen und bekommen sehr positive Rückmeldungen. Uns geht es darum, die Jungen darauf aufmerksam zu machen, dass sie vielleicht noch andere Potenziale in sich haben, die sie noch nicht entdeckt haben.  Nach der Teilnahme geben z. B. 27 % der Jungen einen Beruf mit einem geringen Männeranteil als Berufswunsch an (ganz weit vorne der Erzieher). Obwohl es nur ein Tag ist, bringt er etwas in Bewegung. Nach dem Tag gibt es eine große Offenheit. Jungs und Unternehmen sind hochzufrieden.

Isabel Lang: Was würden Sie sich für die Zukunft des Projektes wünschen?

Miguel Diaz: Für die ganz weite Zukunft würde ich mir wünschen, dass wir das irgendwann alles gar nicht mehr brauchen, weil der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt nicht mehr nach Geschlechtern getrennt ist. Auf dem Weg dahin denke ich, dass es notwendig ist, dass mehr Unternehmen und Schulen mitziehen. Ein solcher Tag sollte verpflichtend sein, wobei es wichtig ist, dass der Beruf von den Jungs selbst ausgewählt werden kann und nicht vorgegeben wird. Es wäre auch schön, wenn die Jungen öfter als einmal teilnehmen könnten, was oft von Seiten der Schulen derzeit noch nicht ermöglicht wird, obwohl die meisten Jungen ein großes Interesse daran hätten. Es sollte auch eine gendersensible Berufswahl initialisiert werden. Ein positives Beispiel ist etwa das Projekt KAoA (Kein Abschluss ohne Anschluss) in Nordrhein-Westfalen.

Isabel Lang: Was würden Sie Eltern von Jungs mit auf den Weg geben?

Miguel Diaz: Es ist ganz wichtig, Jungen nicht geschlechterstereotyp zu erziehen. In Familien und der Gesamtgesellschaft wird an Mütter herangetragen, aus Jungen „richtige“ Jungen zu machen. Wir brauchen andere Wege, die Jungs nicht mit dem Jungensein belasten. Zum Weiterlesen kann ich unsere Expertise „Boys’Day – Jungen-Zukunftstag“ empfehlen, in der die aktuelle Forschungslage zu unseren Themen anschaulich gebündelt ist. Sie kann kostenlos über uns bezogen werden.

 

Mehr Infos zum Boys’Day:

http://www.boys-day.de/

Der Boys’Day bei Facebook:

https://www.facebook.com/BoysDayJungenZukunftstag?fref=nf